GASTSTÄTTENNACHRUF

Gerhard Krenn

Ich kann das nur aus der Sicht des Gastes beurteilen: Ein Stammlokal ist etwas sehr sehr Ernstes. Es geht nicht darum, dass man jeden Tag dort einkehrt, es geht um die Sicherheit, dass man jeden Tag dort einkehren könnte! Es ist eine Institution, ein Stück Geschichte, ein Hort vieler selbst erlebter Geschichten, Inbegriff von Heimat und Tradition und Teil des eigenen Lebensweges.

 

Und eines Tages gibt es dieses Lokal nicht mehr. Ganz plötzlich, obwohl man es ohnehin schon seit Monaten wusste – aber man hat es nicht wirklich realisiert. Spüren tut man es erst, wenn es tatsächlich nicht mehr da ist, wenn die Wirtsleute fort sind – ob im Himmel oder in der Pension oder gar - wenn sie arge Verräter gewesen wären - in eine andere Gegend gezogen und dort ein Wirtshaus eröffnet hätten.

 

Am Schluss steht hier lediglich ein Gemäuer herum - ohne Seele, eine Leere, die jeder nur mehr mit seinen Erinnerungen füllen kann. Und nach und nach wird uns allen bewusst, dass es keine neuen Erinnerungen aus der alten Zeit mehr geben wird: Die lustigen Abende und Nächte, die benebelten Diskussionen – manchmal in kurzfristige Streitigkeiten ausartend -, die prickelnden Anbahnungsrituale zum anderen Geschlecht, die Gaumenfreuden der alten Wirtin, das knorrige und dennoch heimelige Wesen des Wirtes – all das gibt es nicht mehr. Es gibt keine Innigkeit mehr.

 

Und dann kommen „die Neuen“. Seelenlose Geschöpfe, die nicht so kochen, nicht so reden, nicht so schauen, nicht so tun wie die Alten, die einfach nicht so sind wie das Früher. Aber auch wenn sie so reden, so schauen und so tun würden wie die Alten – es wäre nicht mehr das Selbe und jeder würde mit einer gewissen Verächtlichkeit murmeln: „Mein Gott, jetzt wollen sie die Vorgänger nachmachen – da können sie nur scheitern.“

 

Ich habe das selbst schon ein paar Mal erlebt. Die nachhaltigste Erinnerung ist die an das „Schmalvogel“, wo ich einige Jahre meiner vorangeschrittenen Jugend verbracht hatte. Ein älteres Ehepaar aus der Steiermark – eben „die Schmalvogels“ – führten das Lokal in Wien, im 6. Bezirk in der Webgasse. Ein unscheinbares Beisel, klein und unterhalb des Straßenniveaus. Wie eine Gruft des Vergnügens, eine Katakombe geheimer Zirkel, Gemeinschaft der Auserwählten.  Es war der absolute Gehimtipp. 

Und eines Tages waren sie weg.

 

Das halbe Jahr vor diesem Einschnitt bekam ich noch mit, wie die Schmalvogels den Nachfolger einwiesen in die Geheimnisse des Etablissements, um die Kulthaftigkeit auf ewig zu bewahren: Die Frau Schmalvogel verriet dem Neuen sogar das bis dahin bestgehütete Geheimrezept der unvergesslichen Knoblauchsuppe und stellte ihm auch die markantesten Stammkunden vor. Auch ich durfte mich dazu zählen.

 

Dann kam die Zeit als sie endgültig fort waren, die Schmalvogels. Abgetaucht in die steirische Heimat. Und mit ihnen schien der Kult trotz aller Bemühungen schlagartig erloschen und nur mehr die Erinnerungen waren geblieben:

 

Da gab es zuerst die ominöse Eingangstüre. Sie war stets verschlossen. Man musste die flache Hand auf das gelbgetönte Glas der Türe legen, gleichsam als Geheimcode für den Zutritt in das erlauchte Keller-Reich. Jeder durfte dort schließlich nicht hinein. Der Herr Schmalvogel, Patron und Wächter seines ganz persönlichen Tisches neben der winzigen Ausschank betätigte mit strengem Blick eine spezielle Vorrichtung, um die Türe zu entriegeln ohne dabei aufstehen zu müssen. Ein uralter Säbel steckte neben dem Tischchen und hatte am Griff ein dünnes Seil befestigt, das entlang der Wand über die Decke bis zur Türschnalle führte. Der Herrscher zog am Säbel und die Türe sprang auf. Erst ein scharfer Blick auf die Neuankömmlinge und dann folgte das kurze Kommando an die beiden Hunde zu seinen Füßen, das Frischfleisch nicht anzugreifen. Eine andere Tätigkeit war ihm nicht zugeteilt gewesen. Das füllte ihn aus und genügte, ihn den Tyrannen spielen zu lassen, obwohl er in Wahrheit eine bärbeißige Väterlichkeit ausstrahlte, wenn man ihn kannte. Auch der Instinkt der beiden Deutschen Kurzhaar-Hunde hatte längst nichts mehr mit Jagd zu tun. Denen war alles egal. 

 

Die wuchtige Naturgewalt des Beisels aber war Frau Schmalvogel. Sie führte das eigentliche Regiment in Art und Aussehen ähnlich der berühmten Anni Rosar, jener resoluten Filmpartnerin Hans Mosers. Kurzer Nacken, breite Schultern, trainiert wie eine Hammerwerferin – und dennoch strahlte sie eine standhafte Fürsorglichkeit aus, auf die man sich verlassen konnte. Vorausgesetzt, man wusste sich zu benehmen. Sie, die gute Frau Schmalvogel, schenkte aus, servierte, bereitete die kleinen Speisen zu und bestimmte herzhaft resch, wer noch etwas konsumieren durfte und wer nicht. Wie ein mütterliches Bollwerk im Sumpf nächtlicher Besäufnisse.

 

Dabei hatte sie keinerlei Scheu vor Prominenz. Wer sich nicht an die ungeschriebenen Gesetze hielt wurde mehr oder weniger freundlich hinauskomplimentiert. Oh doch, sie konnte da sehr strikt werden! Das Schlagerduo Waterloo & Robinson gehörte beispielsweise zu den Geächteten. „Die sind zu überheblich“ hieß es.

Auch Heinrich Walcher, jahrelanger Stammgast, musste samt seinem „Gummizwerg“ gehen, als ihm nach Ansicht der Schmalvogels der Erfolg zu Kopf gestiegen war. Resch, saftig, steirisch.

 

Die Gesetze waren einfach: Respekt vor den Wirtsleuten, kein blödes Daherreden (auch nicht unter Alkoholeinfluss) und Freundlichkeit zu den anderen Gästen. Einen Bonus hatte, wer für alle Gäste erträglich musizieren konnte. Die nächste Stufe hatte man erreicht, wenn man zu den besonderen Gästen zählte und mit einer metallenen Plankette geehrt wurde, die handsigniert für ewige Zeiten an der Wand hing – ein Walk of Fame sozusagen. Bei Missachtung der Gesetze hatte man jedoch auch diese Gunst sehr bald verspielt.

 

Ich hatte diesen Bonus und meine Plankette hing noch Jahre nach dem Abschied der Schmalvogels im Lokal – eine Auszeichnung, auf die ich heute noch stolz bin. Ich befand mich nämlich damit in einem Kreise von Auserwählten, die wirklich etwas drauf hatten.

 

Da gab es zum Beispiel den Ferry, der Banjo spielte wie ein Gott. Eines Tages gesellte sich ein Pianist zu seiner Runde und die Tatsache, dass es in dem Lokal gar kein Klavier gab, führte zu einer legendären Aktion. Nach kurzer Absprache mit dem Chef neben dem Säbel verschwanden einige Herren und schleppten wenige Minuten später ein weißes Pianino in den Halbkeller. Ich weiß nicht, wo die das plötzlich aufgetrieben hatten. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass es schon 4 Uhr Früh gewesen war. Und dann ging die Session los.

 

Patriarch Schmalvogel rief ein so genanntes „Sit in“ aus, ein absolut undemokratisch diktatorisches Ritual: Er deutete auf bestimmte Personen - das waren die, die bleiben sollten. Der Herrscher des Halbkellers hatte gesprochen. Für alle anderen Gäste bestand ab diesem Zeitpunkt nicht nur die Unschuldsvermutung sondern auch die Sperrstunde. Sie mussten gehen. Weigerte sich einer, so hatte er auf ewig ausgespielt.

 

Der verbliebene Rest der Auserwählten hatte am Boden zu sitzen, außer die Ausübung der jeweiligen musikalischen Darbietung erforderte eine Sitzgelegenheit. Der Pianist etwa saß auf einem Sessel. Und die Gitarristen ebenfalls. Flötisten hatten es da schon schwerer.

 

Ich musste nie gehen, weil ich brav war. Und so durfte ich so manches „Sit in“ miterleben und hatte einen Sessel. Immerhin war ich der Autor des „Schmalvogel-Liedes“, was mir sowohl zur Ehre gereichte, sich aber auch gelegentlich als Fluch erwies. Ich hatte mir damit nämlich die unbedingte Verpflichtung eingehandelt, dieses Lied jedes Mal auf Zuruf zu spielen, ob ich wollte oder nicht. Frau Schmalvogel hatte stets darauf bestanden und brachte mir mit ritueller Beständigkeit während des Vortrages lächelnd das Gratisgetränk zur Belohnung. War ich knapp bei Kassa spielte ich das Lied eben zwei oder drei Mal pro Abend. Mutter durchschaute das natürlich und goutierte meine Schnorrerei. Auf die paar Gratis-Vierteln kam es ihr nicht an.

 

Ach, wie oft musste ich im Morgenverkehr direkt vom Schmalvogel in die Arbeit fahren!

 

Einmal durfte ich – nach entsprechendem Befehl - beim Privattisch des Herren sitzen und sogar auch den Säbel bedienen. Dabei kriegte ich mit, was in den braunen Kaffeehaustassen, aus denen der Gebieter ständig trank, tatsächlich enthalten war: Es war heißer Schnaps mit einem Teesackerl drinnen.

 

Die Schmalvogels sind mittlerweile längst gestorben und wir, die erlauchtesten Gäste, hatten sie nie daheim in der Steiermark besucht. Man hatte es immer aufgeschoben bis es zu spät war.

Ein paar Mal war ich noch bei eben jenem Nachfolger im „Schmalvogel“, der den Kult übernommen hatte. Auch der Name des Lokals musste vertraglich beibehalten werden.

 

Aber es war nicht mehr so wie früher. Wir saßen da drinnen und Wehmut kam auf. Die Knoblauchsuppe war – wohl nach Rezept gemacht - weit nicht so gut wie die der Frau Schmalvogel. Die Planketten hingen noch an der Wand, aber die Menschen dazu ließen sich immer weniger blicken. Denen ging es wahrscheinlich genau wie mir.

 

Die Seelen waren weg und hinterließen bloß Erinnerung.

 

Heute fahre ich manchmal am Lokal vorbei, denn es existiert noch - sicher mit anderen Seelen und mit anderen Gästen. Diese Gäste werden wehmütig sein, wenn der Neue zum Alten geworden ist und eines Tages aufhören wird. 

 

Damals habe ich gemerkt: Es ist schwer, sich an Neues zu gewöhnen. Vielleicht hätte ich mich darauf einlassen sollen. Die Erinnerungen kann mir sowieso niemand mehr nehmen. Aber ich wanderte aus in eine andere Gegend.

 

Seitdem erlebte ich mehrere solcher Abschiede. Derzeit kündigt der Wirt von der „Gausterer-Ranch“ in Guntramsdorf seinen Rückzug an. Dann wird es vorbei sein mit den unübertroffenen Martiniganseln, den Backhenderln und den Kalbsragouts. Ein Neuer wird es übernehmen.

 

Komisch eigentlich, dass man mit etwas Neuem oft nur den Verlust des Alten verbindet. Die Spannung, Neues zu entdecken ohne das Alte zu vergessen könnte jedoch auch ein Gewinn sein. Die Welt dreht sich nun mal – heute noch schneller als früher, so kommt mir vor…

 

Man müsste sich vielleicht wirklich darauf einlassen. Ich nehm’s mir vor. Wenn’s nicht so schwer wäre …

 

Und übrigens: Wären die Schmalvogels die Neuen gewesen – ich weiß nicht, ob ich mir diese Art von Gastlichkeit gefallen lassen hätte.