DIE FLUCHTNACHT

Gerhard Krenn

Jetzt reden wir einmal nicht dauernd über Flüchtlinge. Das geht mir schon auf die Nerven.

 

Befassen wir uns lieber mit einer spannenden Geschichte, einem Krimi, wo jeder selber bestimmen kann, wie er ausgeht.

 

Du hast ein Haus im Grünen, eine Familie und einen Hund. Die Nachbarn sind relativ weit entfernt, erst hinter der nächsten Biegung - sind also nett. So weit man sie kennt. Die sind ja kaum zu Hause, und wenn, dann erst ab dem späteren Abend. Sie haben eine Katze. Die ist auch nett und verträgt sich mit deinem Hund.

 

Alles ist bestens. Doch eines Nachts passiert es:

 

Der Sonntags-Tatort hat sich gerade aufgelöst, der Täter ist gefasst (es waren doch nicht die jugendlichen Großmäuler aus Serbien, sondern der pädophile Bademeister) und die ZiB nähert sich auf der unvermeidlichen Werbeblockwelle. Das kennst du schon alles, du brauchst eh nichts von dem Klumpert und die Nachrichten gehen dir auch schon sonst wo hin. Dauernd geht's um irgendwelche Kriege, Flüchtlinge und so. Unangenehm!

 

Zähneputzen! - Wichtig, damit sich die Brösel der Fernsehknabberei und die Farbe vom Rotwein aus dem Gebiss lösen -, dann noch ein bisserl waschen und auf ins Bett. Morgen ist schließlich ein Arbeitstag. Und deine Arbeit ist anspruchsvoll. Immerhin kannst du dir deshalb ein Haus leisten.

 

Deine Frau oder Mann - je nach dem wer du bist und wen du gerne hättest ... - muss auch zeitig in der Früh raus. Körperlich wird sich jetzt ohnehin nichts mehr abspielen, das war schon Sonntag Vormittag - das bisserl Waschen wird also schon genügen.

 

Kaum bist du mit allem fertig und bereit, in die Federn zu schlüpfen, hörst du ein Kratzen an der Eingangstüre.

 

Du denkst: „Aha, die Nachbarkatz’ hat Hunger.“ und überschlägst aus dem Gedächtnis die Angebote des Kühlschranks. Lungenbraten oder so.

 

Du machst die Türe auf, um das Kätzchen hereinzulocken. Die sind ja allerliebst, wenn sie noch ein bisschen scheu sind.

Und plötzlich steht da eine junge Familie vor dir – total abgehetzt, fertig, in Panik, nervös, voller Angst. Ein junges Paar mit Butzerl.

 

„Jessas Maria und Josef!“ – Aber diese Drei sind es nicht. Er ist ein etwas dunklerer Typ, das Baby – na ja, ein Baby eben … klein, was sonst? – und die junge Frau redet schnell und hat möglicherweise einen steirischen Migrationshintergrund.

 

Die Geschichte ist abenteuerlich, die sie erzählt:

 

Sie waren mit dem Auto unterwegs, plötzlich liegt einer auf der Straße, sie bleiben stehen, um zu helfen, da springt der auf, hält ihnen eine Pistole vors Gesicht und raubt sie aus. Als er ins Handschuhfach schaut und kurz abgelenkt ist ergreifen sie nicht nur die Gelegenheit, sondern auch die Flucht und rennen in den schützenden Wald. Und wie sie durchs Gebüsch hetzen schießt ihnen der Verbrecher nach. Wahrscheinlich ist er ihnen noch immer auf den Fersen, um die kalt zu machen, die sein Gesicht gesehen haben.

 

Sie haben Licht in deinem Haus gesehen und erhoffen sich nun Rettung.

 

Da stehst du nun in deinem Pyjama und weißt nicht, was du tun sollst. Die Räubergeschichte kann man glauben oder auch nicht. Was wollen die wirklich? Kann man die hereinlassen?

 

Wenn die Geschichte wahr ist, so ist das der Beweis dafür, dass man niemandem trauen sollte, weil sonst ist man der Blöde.

 

Wenn die Geschichte aber nicht wahr ist, so ist das erst recht der Beweis, dass man nicht helfen sollte. Da wäre man ja schön blöd.

 

Wenn diese junge Familie nun doch vor deinem Haus erschossen wird, so sind die selber schuld, weil sie so naiv waren, einem Fremden helfen zu wollen. Andererseits hast aber dann du ein schlechtes Gewissen, weil du so naiv warst, ihnen nicht zu glauben. Und jetzt kugeln da drei Leichen vor deiner Haustüre herum. Wo kämen wir denn da hin, wenn man jedes Mal ein schlechtes Gewissen haben müsste, wenn es an der Türe kratzt?

 

Was wirst du tun?

 

Du hast nicht viele Möglichkeiten: Du machst einfach die Haustüre zu. Und wenn draußen der Verbrecher herumballert, so kannst du nur hoffen, dass er nicht die Katze vom Nachbarn erwischt, weil die ist immer so nett. Aber er erwischt das Pärchen mit Kind. Jetzt hast du das Problem mit dem Gewissen am Hals und wartest auf die Polizei.

 

Die Beamten fragen dich natürlich, warum du diese junge Familie nicht hereingelassen hast. Du antwortest, dass du das Gefühl hattest, überfallen zu werden. Die Polizei hat Verständnis, sagt: „Unter diesen Umständen ist unterlassene Hilfeleistung nachvollziehbar.“ und geht.

Wie du das mit deinem Gewissen erledigst ist deine Sache. Leicht wird’s nicht. Gewissen kann man nicht so leicht ausschalten, außer du hättest keines. Dann wärest du aber selber schon Verbrecher.

 

Du kannst aber auch noch was anderes tun: Du lässt die Familie herein. Aber nur ins Vorzimmer. Nicht weiter! Du gibst ihnen was zu trinken und vielleicht noch was zu Essen. Die Katze hättest du schließlich auch gefüttert, um dich bei ihr einzuschleimen. Du passt gut auf, was sie tun, verfolgst jede verdächtige Bewegung.

Du rufst die Polizei.

Die Beamten fragen: „Wo ist denn nun der Verbrecher, der geschossen hat?“

Das weiß natürlich keiner.

Und unter diesen Umständen ist eine Amtshandlung wohl schwer zu rechtfertigen. Es liegt ja nichts vor. Und erzählen kann man viel.

 

Wenn du aber Glück hast - und es soll ja gelegentlich vorkommen, dass man Glück hat - sind der junge Mann und die junge Frau auch sehr nett und das Kind still – na ja, dann könnte man mit ihnen reden und kommt vielleicht drauf, dass sie unterwegs waren, sich ein Haus in der Gegend anzuschauen, das zum Verkauf steht.

 

Wo denn?

 

Gleich in der Nähe. Dort hinter der nächsten Biegung.

 

Aber dort sind doch … Die Nachbarn verkaufen ihr Haus? Sehr interessant. Obwohl … sehr viel Kontakt hatte man ja nie mit denen. Und wer weiß, was die den ganzen Tag getrieben haben.

 

Wenn nun dieses nette Ehepaar mit dem entzückenden Baby dort einziehen würde –  das wäre gar nicht so übel. Jetzt, wo man sich unter abenteuerlichen Umständen kennengelernt hat. Das schweißt zusammen.

 

Und Zusammenhalt ist ja so wichtig in Zeiten wie diesen! Wo man nicht einmal mehr mit dem Auto stehen bleiben darf, um jemandem zu helfen.

 

Amerikanische Verhältnisse sind das. Jawohl. Zutiefst amerikanisch.

 

Und dann bittest du sie ins Haus und stellst ihnen deine Familie vor. Und den Hund. Er geht ihnen gleich zu. Hunde haben ein Gespür für nette Menschen. 

 

So könnte es noch ein schöner Abend werden. Ihr habt es lustig, ihr lernt euch kennen, sagt eure Namen und seid bald per "du". Burgi, die Frau mit dem steirischen Migrationshintergrund sagt: "Eigentlich sind wir Flüchtlinge, du hast uns aufgenommen und wir müssten dir jetzt unsere Ausweise zeigen!"

 

"Blödsinn!" sagst du. Man hat ja schließlich auch einen Grundinstinkt. Und der Hund sowieso.

 

Das würde passieren, wenn du Glück hättest. Und es kommt manchmal vor, dass man Glück hat...